Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

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Watchful_Eye
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Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon Watchful_Eye » So 16. Sep 2018, 19:29

Viele Menschen, die ich auf politischer Ebene als liberal, humanistisch und sachlich empfinde, stehen vergleichsweise fest zum transatlantischen Bündnis. Ich frage mich manchmal, woran das liegt.

Ich bin mit Gerhard Schröder, George W. Bush und all den Debatten um den Irak-Krieg aufgewachsen. Und wie ich das sehe, sind in diesem Krieg der Nahe Osten nachhaltig destabilisiert worden, es sind mehrere hunderttausend Menschen gestorben, und die Massenvernichtungswaffen, die man zu finden vorgab, existierten nicht einmal. Es fällt mir schwer, einen Fehlschlag diesen Ausmaßes als verzeihliches Versehen abzutun. Auch frühere Kriegseinsätze der USA waren unter humanistischen Gesichtspunkten höchst problematisch, z.B. der Vietnamkrieg.

Ich halte wohlgemerkt nichts von "Putin-Fans" und glaube auch nicht, dass Russland moralisch ebenbürtig oder besser ist als die USA. Allerdings frage ich mich manchmal, warum viele selbst jetzt noch, wo Trump uns ständig den Finger heraussteckt und sich wie die Axt im Walde benimmt, die transatlantische Partnerschaft so wichtig nehmen. Mir scheint die USA schon länger ein nicht allzu verlässlicher Partner zu sein.

Ich will zwar auf keinen Fall, dass Deutschland aus der NATO austritt. Aber mir erscheint es nach jetzigem Kenntnisstand sinnvoll, das europäische Militärbündnis deutlich zu stärken und als solches eine eher vermittelnde Rolle zwischen USA, Russland und China einzunehmen, etwa im Sinne Gerhard Schröders. Das geschieht teilweise auch schon, allerdings noch recht zögerlich. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sofort alles wieder umgekippt wird, sofern Trump die nächste Wahl gegen einen halbwegs vernünftigen Präsidenten verliert.

Vielleicht gehe ich aber auch von irgendwelchen grundfalschen Prämissen aus, insofern würden mich eure Meinungen interessieren. :)
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Alter Stubentiger
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon Alter Stubentiger » So 16. Sep 2018, 20:09

Watchful_Eye hat geschrieben:(16 Sep 2018, 20:29)

Viele Menschen, die ich auf politischer Ebene als liberal, humanistisch und sachlich empfinde, stehen vergleichsweise fest zum transatlantischen Bündnis. Ich frage mich manchmal, woran das liegt.

Ich bin mit Gerhard Schröder, George W. Bush und all den Debatten um den Irak-Krieg aufgewachsen. Und wie ich das sehe, sind in diesem Krieg der Nahe Osten nachhaltig destabilisiert worden, es sind mehrere hunderttausend Menschen gestorben, und die Massenvernichtungswaffen, die man zu finden vorgab, existierten nicht einmal. Es fällt mir schwer, einen Fehlschlag diesen Ausmaßes als verzeihliches Versehen abzutun. Auch frühere Kriegseinsätze der USA waren unter humanistischen Gesichtspunkten höchst problematisch, z.B. der Vietnamkrieg.

Ich halte wohlgemerkt nichts von "Putin-Fans" und glaube auch nicht, dass Russland moralisch ebenbürtig oder besser ist als die USA. Allerdings frage ich mich manchmal, warum viele selbst jetzt noch, wo Trump uns ständig den Finger heraussteckt und sich wie die Axt im Walde benimmt, die transatlantische Partnerschaft so wichtig nehmen. Mir scheint die USA schon länger ein nicht allzu verlässlicher Partner zu sein.

Ich will zwar auf keinen Fall, dass Deutschland aus der NATO austritt. Aber mir erscheint es nach jetzigem Kenntnisstand sinnvoll, das europäische Militärbündnis deutlich zu stärken und als solches eine eher vermittelnde Rolle zwischen USA, Russland und China einzunehmen, etwa im Sinne Gerhard Schröders. Das geschieht teilweise auch schon, allerdings noch recht zögerlich. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sofort alles wieder umgekippt wird, sofern Trump die nächste Wahl gegen einen halbwegs vernünftigen Präsidenten verliert.

Vielleicht gehe ich aber auch von irgendwelchen grundfalschen Prämissen aus, insofern würden mich eure Meinungen interessieren. :)


G.W.Bush war kein überzeugter Transatlantiker. Von Trump ganz zu schweigen. Es gibt aber noch genug Leute in den USA wie in Europa die genau wissen dass Zusammenarbeit sinnvoll ist. Schon allein wegen der guten Geschäfte von der viele profitieren. Gute Beziehungen sind immer wichtig. So fragwürdig uns Trumps Amerika heute erscheinen mag, die europäischen Nachbarn sind auch nicht unproblematisch. Vor allem weil viele den Nationalismus wiederentdeckt haben. Da kann eine europäische Armee auch schnell zum Alptraum werden. Also sollte man vorhandene Kontakte pflegen und auf die Zeit nach Trump hoffen. Vielleicht gibts ein Comeback der Obamas.
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon zollagent » Mo 17. Sep 2018, 14:41

Alter Stubentiger hat geschrieben:(16 Sep 2018, 21:09)

G.W.Bush war kein überzeugter Transatlantiker. Von Trump ganz zu schweigen. Es gibt aber noch genug Leute in den USA wie in Europa die genau wissen dass Zusammenarbeit sinnvoll ist. Schon allein wegen der guten Geschäfte von der viele profitieren. Gute Beziehungen sind immer wichtig. So fragwürdig uns Trumps Amerika heute erscheinen mag, die europäischen Nachbarn sind auch nicht unproblematisch. Vor allem weil viele den Nationalismus wiederentdeckt haben. Da kann eine europäische Armee auch schnell zum Alptraum werden. Also sollte man vorhandene Kontakte pflegen und auf die Zeit nach Trump hoffen. Vielleicht gibts ein Comeback der Obamas.

Ja, Michelle Obama. Eine schwarze Frau. Das würde viele Weltbilder heftig erschüttern. :D :D :D
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon Alter Stubentiger » Mo 17. Sep 2018, 15:32

zollagent hat geschrieben:(17 Sep 2018, 15:41)

Ja, Michelle Obama. Eine schwarze Frau. Das würde viele Weltbilder heftig erschüttern. :D :D :D

Und sie ist sehr beliebt in Amerika. Ganz anders als Hillary Clinton.
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon zollagent » Mo 17. Sep 2018, 19:04

Alter Stubentiger hat geschrieben:(17 Sep 2018, 16:32)

Und sie ist sehr beliebt in Amerika. Ganz anders als Hillary Clinton.

Ob sie sich das aber antut?
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon Europa2050 » Mo 17. Sep 2018, 19:10

zollagent hat geschrieben:(17 Sep 2018, 20:04)

Ob sie sich das aber antut?


Wenn Sie das politische Erbe ihres Mannes (oder das was davon noch übrig ist) vor dem Wirken des Irren retten will - warum nicht?

Ich finde aber, dass Barack Obama das zu verhindern versuchen sollte. Bei den Fanatikern auf der Gegenseite muss sie als schwarze Frau namens Obama ja alles bis hin zu Mord fürchten.
Nationalismus lehrt Dich,
stolz auf Dinge zu sein, die Du nie getan hast und
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon Alter Stubentiger » Mo 17. Sep 2018, 20:10

Europa2050 hat geschrieben:(17 Sep 2018, 20:10)

Wenn Sie das politische Erbe ihres Mannes (oder das was davon noch übrig ist) vor dem Wirken des Irren retten will - warum nicht?

Ich finde aber, dass Barack Obama das zu verhindern versuchen sollte. Bei den Fanatikern auf der Gegenseite muss sie als schwarze Frau namens Obama ja alles bis hin zu Mord fürchten.


Bei der Entwicklung der Republikaner hin zu hirnlosen Nationalisten steht dies zu befürchten. Die Beerdigung von McCain war schon ein Fanal. Die alte Garde ist abgetreten. Es regieren die Trumps.
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon Cat with a whip » Mo 17. Sep 2018, 20:43

Watchful_Eye hat geschrieben:(16 Sep 2018, 20:29)

Viele Menschen, die ich auf politischer Ebene als liberal, humanistisch und sachlich empfinde, stehen vergleichsweise fest zum transatlantischen Bündnis.


Mit wem verglichen?
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Re: Zukunft des transatlantischen Bündnisses?

Beitragvon imp » Mo 17. Sep 2018, 20:59

Watchful_Eye hat geschrieben:(16 Sep 2018, 20:29)

Viele Menschen, die ich auf politischer Ebene als liberal, humanistisch und sachlich empfinde, stehen vergleichsweise fest zum transatlantischen Bündnis. Ich frage mich manchmal, woran das liegt.

Ich bin mit Gerhard Schröder, George W. Bush und all den Debatten um den Irak-Krieg aufgewachsen. Und wie ich das sehe, sind in diesem Krieg der Nahe Osten nachhaltig destabilisiert worden, es sind mehrere hunderttausend Menschen gestorben, und die Massenvernichtungswaffen, die man zu finden vorgab, existierten nicht einmal. Es fällt mir schwer, einen Fehlschlag diesen Ausmaßes als verzeihliches Versehen abzutun. Auch frühere Kriegseinsätze der USA waren unter humanistischen Gesichtspunkten höchst problematisch, z.B. der Vietnamkrieg.

Ich halte wohlgemerkt nichts von "Putin-Fans" und glaube auch nicht, dass Russland moralisch ebenbürtig oder besser ist als die USA. Allerdings frage ich mich manchmal, warum viele selbst jetzt noch, wo Trump uns ständig den Finger heraussteckt und sich wie die Axt im Walde benimmt, die transatlantische Partnerschaft so wichtig nehmen. Mir scheint die USA schon länger ein nicht allzu verlässlicher Partner zu sein.

Ich will zwar auf keinen Fall, dass Deutschland aus der NATO austritt. Aber mir erscheint es nach jetzigem Kenntnisstand sinnvoll, das europäische Militärbündnis deutlich zu stärken und als solches eine eher vermittelnde Rolle zwischen USA, Russland und China einzunehmen, etwa im Sinne Gerhard Schröders. Das geschieht teilweise auch schon, allerdings noch recht zögerlich. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sofort alles wieder umgekippt wird, sofern Trump die nächste Wahl gegen einen halbwegs vernünftigen Präsidenten verliert.

Vielleicht gehe ich aber auch von irgendwelchen grundfalschen Prämissen aus, insofern würden mich eure Meinungen interessieren. :)

Hallo, ein toller Beitrag. Ich denke, viele Liberale lehnen sich aus Tradition an USA an, weil dort liberale Politik vermutet wird - warum auch immer - und Russland, Kina, Indien oder Japan traditionell nicht damit verbunden werden. Inwieweit eine konkrete US-Regierung mit Worten und Handlungen das ausfüllt, ist eine andere Frage. Schon Obarmer plante den Pivot to Asia, die Abkehr von einer europafixierten Außenpolitik. Unter ihm wie schon Bush wurden ad-hoc-Bündnisse für gewaltberechtigt erklärt, wenn UN und teilweise sogar EU/Nato als ganzes nicht überzeugt mittun wollten.

Das deutsche Streben nach "Selbständigkeit" Europas ist dazu komplementär. Einer imaginaren Regionalmacht EU-Deutschland, die zu eigenständigen Aktionen auch ohne US-Segen (aber nicht gegen USA) fähig und auch willens ist, kann ein US-Präsident keinen Blancoschutz alter Art versprechen ohne sich selbst in der Weltpolitik kleiner zu machen. Das wäre auch zuhause unverkäuflich.
Life is demanding without understanding.

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